Katalyn Bohn

Gäubote, 12.1.2018

Schlachttiere im Online-Chat

Herrenberg: Kabarettistin, Schauspielerin, Pantomime und Sängerin Katalyn Bohn zu Gast im Mauerwerk

von Rüdiger Schwarz

Junge, wie die Zeit vergeht. Stellte sich Shakespeares Held Hamlet noch die alles entscheidende Frage nach dem Sein oder Nicht-Sein, dreht sich bei der Kabarettistin Katalyn Bohn im Herrenberger Mauerwerk alles um Sein oder online.

Man nehme: Einen Mann, eine Frau, in Form von zwei wortkargen Business-Nerds und Stadtneurotikern, die an einer Haltestelle auf den Bus warten, sich verstohlene Blicke zuwerfen, sprichwörtlich auf den Mund gefallen sind, doch dank Emojis-to-go durch die verliebte Blume miteinander beflüstern. Wozu auch viel reden, man hat schließlich Emojis, auf die man als digitaler Ureinwohner wie ein pawlowscher Hund konditioniert ist. Die zwei Helden kommen einem so vor, als ob sie aus einem Film des Finnen Aki Kaurismäki entsprungen sind, beredt sind sie nicht, doch dafür spricht Katalyn Bohns herrliches Mimenspiel mehr als beredte Bände.

Schon zu Beginn ihres Programms über Entfremdung und Überforderung im digitalen Zeitalter läuft die gelernte Pantomime zur Hochform auf. Schon schlüpft sie in die Haut einer schrecklich „klugscheißenden“ und hysterischen Göre, die noch nicht einmal dem Kindergarten entronnen, weiß wie der Hase mit den Helikoptereltern läuft. Quasseln tut das Geschöpf da auf der Bühne jedenfalls wie einst Hape Kerkeling in seiner Paraderolle als Hannilein. Und ja, die monströse, mit dem Tablet-Kabel zur Welt gekommene Kreatur quasselt über: Elternerziehung.

Freilich ist das naturferne Wesen mit der Laktoseintoleranz und Glutenunverträglichkeit irrsinnig klug und weiß, was seine Eltern so brauchen, schließlich ist seine Kindheit deren intensivste Zeit. So sind die allabendlichen Prinzessin-Lillyfee-Spiele die letzte Chance für den Vater, seine weibliche Seite auszuleben. Dank Ganztagskindergarten werden die ehelichen Bindungshormone gefördert, die Eltern wollen ja auf die Pubertät und Abnabelung des Nachwuchses und die eigene, wiedergewonnene Selbstständigkeit vorbereitet sein.

Dank Google weiß die Neunmalkluge zwar, dass Nutella irre viel Zucker hat, doch auf dem Therapiebauernhof erlebt der überzüchtete Zwerg sein blaues Wunder. Schöne, neue Welt, kann man da nur sagen, Pippi Langstrumpf und der Michel aus Lönneberga waren jedenfalls gestern.

Und so jagt eine groteske Szene die nächste. Katalyn Bohn öffnet die digitale Büchse der Pandora, lässt etwa grenzdebilen Selbstoptimierungswahn und heillos zynische Effizienzlogik los. Als weiblicher Möchtegern-IT-Consulting-Coach treibt die Kabarettistin und Schauspielerin die heiße Luft um wohlfeile Personalprofilanforderungen wie komplexe Problembewältigung, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und kreatives Denken auf die paradoxe Spitze. Nebenbei entlarvt sie noch den hypernervösen, haltlos narzisstischen Tanz um die eigene Pseudoidentität und Ego-Blase, die ständig zu platzen und zerfleddern drohen. Doch die digitale Ära treibt nicht nur die Bildung freiflottierender Arbeitsnomaden und Scheinidentitäten, sondern auch die Infantilisierung des Menschen voran. So schlüpft die Aktrice in die Haut einer Mutter, die über Youtube-Videos ihren vernetzten Sprösslingen im Stile einer Daniela Katzenberger die richtige Erziehung angedeihen lässt.

Recht zynisch geht es bei einer Führung durch ein Start-up-Krankenhaus zu. Geburts- und Palliativstation liegen hier nicht umsonst nahe beieinander. Im großen Schwimmbecken sind sowohl eine Wassergeburt als auch Seniorengymnastik samt Seebestattung möglich. Eine Künstlerin fertigt je nach Bedarf Gipsabdrücke vom Babybauch oder Totenmasken. Und gerne macht man hier Pränataluntersuchungen und die Autopsie nach erfolgreichem Abgang. Im Gang treffen eine röchelnde Alte am Rollator und eine werdende Mutter aufeinander, beide sind sie über der Zeit. Selten kroch die absurde Logik der Profitgier ätzender als in dieser rabenschwarzen und bitterbös-satirischen Szene aus dem neoliberalen Schlangenei.

Mit Mastschwein Rüdiger, dem Lamm Lotte, Kuh Karla und dem Küken Pete, das als erster schwuler Hahn in die Geschichte eingehen wird, erlebt das Publikum Schlacht- und Nutztiere beim gemeinsamen Online-Chat – George Orwells Farm der Tiere quasi fürs digitale Medienzeitalter aufbereitet. Für das Happy End sorgt Dieter Bohlen höchstpersönlich, der die skurrile, tierische Truppe vom Fleck weg für die Gutfried-Wurst-Werbung engagiert. In einem Erklärungsfilm Marke Sendung mit der Maus erfährt man von der genialen Pantomime, die vom Kugelfisch übers Chamäleon bis zum Seehund und Tyrannosaurus Rex den ganzen Karneval der Tiere draufhat, dass eine depressive Katze der Menschheit mitsamt ihrer Hybris und Verblödungsindustrie mit geposteten Katzenvideos den Garaus machte.

Daneben erweist sich Katalyn Bohn mit Couplets über die neuen, fragwürdigen technischen Komfortzonen des Lebens oder die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe als wunderbare Diseuse im besten Sinne einer Hanne Wieder.

Foto Copyright Timo Kabel